Analyse

Im Folgenden soll der Film Abbitte formal analysiert werden. Dabei wird besonders Wert auf oft eingesetzte stilistische Mittel von Joe Wright gelegt. Diese werden von Screenshots aus dem Film untermauert. Zudem sollen die beiden aufgestellten Hypothesen anhand ausgewählter Untersuchungen des Filmes belegt werden. Hierbei soll an entsprechender Stelle auch ein direkter Bezug zu den Hypothesen hergestellt werden. Zum Erinnern an die jeweilige Hypothese kann diese durch das Führen der Maus auf die Glühbirne noch einmal sichtbar gemacht werden.

Mise-en-Scene

Farbe und Licht

Erster Teil des Filmes

Der erste Teil des Filmes wird zunächst von Licht, teilweise mit Überblendungen, und hellen, freundlichen Farben dominiert. Zu dieser Zeit ist die Welt von allen Protagonisten noch in Ordnung. Die Helligkeit verweist dabei auf ein ungetrübtes Leben. Und auch die Dominanz der Farbe Grün untermauert diesen Gedanken. So steht Grün unter anderem für die Hoffnung, in diesem Fall für die Liebe zwischen Cecilia und Robbie und die Hoffnung auf eine gemeinsame Zeit zu zweit.

Doch dieses unbekümmerte, entspannte Leben ändert sich schon in der zweiten Hälfte des ersten Teiles, am Tag des gemeinsamen Abendessens zu Ehren des Besuches von Leon und dessen Begleiter Paul. Die Innenaufnahmen des Landhauses sind sehr dunkel gehalten, einzig vereinzelte Lampen werfen Licht in das düstere Treppenhaus. Auf dem Weg zum gemeinsamen Abendessen sieht Briony etwas Funkelndes auf dem Boden liegen. Trotz der Dunkelheit blitzt der Stern von Cecilias Haarspange übertrieben hell, sodass Briony dazu animiert wird, diese aufzuheben. Der Zuschauer wird wie Briony durch das Funkeln mit in den Bann gezogen. Briony sieht die Spange sehr lange an und macht sich daraufhin auf die Suche nach Cecilia, die diese verloren hat. Beim Schleichen in die Bibliothek, wo nur eine Schreibtischlampe Licht spendet, wird Briony mit einem länglichen Lichtstreifen auf ihrem Gesicht gezeigt. Dies verweist darauf, dass sie nicht alles wahrnehmen kann sowie auch nicht alles weiß, was wirklich passiert. Auch bei ihrem Erwischen von Cecilia und Robbie steht Briony in fast völliger Dunkelheit, nur die rechte Hälfte ihres Gesichtes ist von der Schreibtischlampe leicht erhellt. Auch dies untermauert den eben genannten Gedanken, dass Briony nur einen Teil dessen sieht, was geschieht. Zudem deutet es darauf hin, dass Briony auch nicht weiß, wie es zu dem Zusammentreffen von ihrer Schwester und Robbie kam, und aufgrund dessen Dinge zusammenreimt, die so nicht geschehen sind.

In analoger Weise wird auch die Suche Brionys nach ihren beiden Cousins dargestellt. Nur ihre Taschenlampe spendet ein rundes Licht, ringsherum ist meistens völlige Dunkelheit. Auch Lola und ihren Vergewaltiger sieht sie nur in diesem Lichtkegel. In diesem Moment wird zwar auch ihr Gesicht erhellt, vor lauter Schreck lässt sie ihre Taschenlampe jedoch Fallen. Ab diesem Moment ist auch ihr Gesicht dunkel und Lola sowie der Vergewaltiger sind in völliger Dunkelheit. Es wird erkennbar, dass Briony somit gar nicht sehen kann, wer in die Dunkelheit entflieht, da Überblendungen und Dunkelheit eine Sicht auf den Täter unmöglich machen.

Zweiter Teil des Filmes

Die Farbgebung im zweiten Teil des Filmes ist deutlich gedämpfter als die des ersten Teils. Es werden zumeist Landschaften gezeigt, in der Robbie durch die Welt irrt, um endlich ans Meer zu kommen, wo endlich Rettung wartet. Durch die geringe Farbsättigung, wirken die Bilder trist, düster und traurig, wodurch der Betrachter in die Kriegswelt von Robbie geführt wird. Sein Leiden, seine traurige Welt, in der er sich befindet, werden für die Zuschauer miterlebbar. Auch das Meer, an dem Rettung wartet, wird in gedämpften Licht und geringer Sättigung dargeboten. Die Hoffnungslosigkeit, das Leiden und die zerstörerische Kraft des Krieges werden dadurch untermauert. Nichts scheint mehr lebensfroh und glücklich zu sein.

Hypothese 1 

Die Auswirkungen von Brionys Aussage werden durch die Farb- und Lichtgebung unterstrichen. Als noch alles in Ordnung war, wurden vor allem helle, freundliche Farben mit der Dominanz von Grün sowie viel Licht eingesetzt. Je mehr sich Briony in ihrer Phantasie zusammenspinnt, Robbie als Triebtäter entlarvt zu haben, desto weniger wird das Licht im Film. Die Wahrheit wird ins Dunkel gehüllt. Und damit ändert sich auch die Farbgebung im zweiten Teil des Filmes. Robbies Kriegswelt ist trist und düster ohne jegliche Hoffnung, verursacht durch kindliche Naivität.

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Musik und Ton

Erster Teil des Filmes

Es gibt in diesem Film ein oft wiederkehrendes musikalisches Element. Hauptbestandteil dieser Musik ist vor allem ein Klavier, das die Melodie ausmacht. Teilweise ist es solistisch zu hören, wird aber auch an anderen Stellen durch ein Streichorchester begleitet und verstärkt. Musikalisch wird der Film mit diesem Element eingeleitet. Das Klavier setzt leise an der Stelle ein, an der Briony ihr für Leon selbstgeschriebenes Theaterstück vollendet. Im weiteren Verlauf der Handlung steigern die Streicher und anderen Instrumente ihre Lautstärke, begleitet durch das typische Klicken einer Schreibmaschine.
Die Melodie dieses wiederkehrenden Musters ist im ersten Teil ausschließlich in fünf Szenen zu hören, die für den Verlauf der Geschichte von großer Bedeutung sind.

Erste Szene - Brunnen
Diese Szene wird zum einen aus der Sicht von Briony gezeigt und zum anderen aus der Sicht von Cecilia und Robbie. Brionys Wahrnehmungen werden ganz leise und nur von wenigen Instrumenten musikalisch untermalt. Wohingegen die musikalische Begleitung derselben Szene aus der Sicht der andere beiden von einem Klavier verstärkt wird und wesentlich lauter, schneller und dadurch hektischer ist. Diese wird unterbrochen, als Cecilia, die sich mittlerweile wieder im Haus befindet, mit einer Seite des Familienklaviers einen Ton erzeugt, welcher zugleich den letzten Ton des Musters bildet und es somit beendet.

Zweite Szene - Eintreffen von Leon und Paul
Die Klaviermelodie ist erneut zu hören, als Briony sich vom Fenster entfernt, in den Garten geht und beginnt darüber nachzudenken, was sie soeben am Brunnen beobachtet hat. Die Situation spitzt sich musikalisch zu als Paul und Leon das Grundstück der Familie Tallis befahren und sich im Haus einfinden. Dadurch kann der Zuschauer schon mutmaßen, dass das Erscheinen der beiden Männer eine erhebliche Bedeutung für die zukünftigen Geschehnisse haben wird.

Dritte Szene - Robbie schreibt den Brief
Des Weiteren ist die Melodie zu hören, als Briony im Grünen sitzend an einem selbstgeschriebenen Stück schreibt. Gleichzeitig versucht Robbie einen Brief an Cecilia zu verfassen, um sich bei ihr für sein Benehmen am Brunnen zu entschuldigen. Hier ist die Melodie ebenfalls sehr hektisch und wiederum ein Anzeichen für ein Zuspitzen der Geschichte.
Die Musik wird unterbrochen, als Robbie in seinem Zimmer den geschriebenen Brief zerknüllt und daraufhin eine Schallplatte auflegt. Dieser abgespielte Song geht anschließend in die Begleitmusik der darauf folgenden Szene über, in der Robbie zwei weitere Briefe an Cecilia schreibt. Hierbei entsteht auch die Brieffassung, die niemand, weder Cecilia noch Briony, zu lesen bekommen sollte.
In der anschließenden Szene zerstört Briony Gräser mit einem Stock, bis sie von Robbie entdeckt wird. Dieser bittet sie, den Brief, den er für Cecilia geschrieben hat, ihr zu übergeben. Das Klavier setzt an der Stelle ein, als Robbie bemerkt, dass er Briony die falsche Fassung gegeben hat. Die Musik wird erneut hektisch und wird, während Briony zum Haus rennt und den Brief verbotenerweise liest, erneut durch das Klicken der Schreibmaschine untermauert.

Vierte Szene - Bibliothek
Briony begibt sich auf den Weg zum Abendessen. Hier sind leise Streicher mit der bekannten Melodie zu hören. Das Tempo ist sehr langsam und stockt kurz, als Briony Cecilias Haarspange auf dem Boden glitzern sieht. Die Spannung wird durch lang gezogene Töne und ein äußerst geringes Tempo aufrechterhalten, während Briony der Spur folgt. Ein einziger Ton wird immer länger und lauter, bis Briony in die Bibliothek eintritt und das Paar auf frischer Tat ertappt und somit die Szene seinen Höhepunkt erreicht hat.

Fünfte Szene - Die Suche nach den Zwillingen und die Aussage
Brionys Suche nach den Zwillingen wird von der bekannten Melodie auf dem Klavier begleitet. Während dessen schwankt die Musik zwischen laut und leise und spitzt sich schließlich, kurz bevor Briony den Vergewaltiger und Lola entdeckt, enorm zu und hört mit dem Entdecken abrupt auf. Sie setzt erst wieder ein, als Briony ihre Aussage bei der Polizei macht. Die folgenden Szenen sind geprägt vom Wechsel- und Zusammenspiel zwischen dem Klicken und der Klaviermelodie. Die Musik ist durch das Klicken sehr hektisch, geladen und spannungsvoll. Sie spitzt sich immer mehr und mehr zu, bis Robbie im Polizeiwagen weggefahren wird.

Zweiter Teil des Filmes

Während Robbie Kriegsdienst leistet, ist die vorher wiederkehrende Melodie nicht ein einziges Mal zu hören. Die Musik ist hier im Allgemeinen eher düster, kraftlos, langsam und traurig, wodurch Robbies Empfinden und Leiden unterstrichen wird.

Dritter Teil des Filmes

Ab dem dritten Teil des Filmes, in dem Briony in einem Londoner Krankenhaus arbeitet, ist die wiederkehrende Melodie erneut zu hören. Hier sind es wieder einige Szenen, in denen die Melodie zu hören ist. Es ist also zu erkennen, dass das bekannte Muster meist nur in Verbindung mit der Hauptperson Briony auftritt, die im zweiten Teil des Filmes keine Erwähnung findet.

Sechste Szene - Krankenhaus
Der dritte Teil beginnt mit dem Gang mehrerer Krankenschwestern durch das Londoner Krankenhaus. Zu hören ist das Klavier, das die Melodie beschreibt, begleitet von mehreren Streichern. Die Musik ist hier wieder sehr hektisch, wird gegen Ende lauter und voller und endet mit der Kameraeinstellung auf Brionys Gesicht, die sich ebenfalls in der Gruppe der Krankenschwestern befindet.

Siebte Szene - Brionys Gedanken
Nachts sitzt Briony auf dem Dachboden des Krankenhauses, tippt auf der Schreibmaschine und wird von einer Freundin erschreckt. Dieser erzählt sie ganz knapp die Geschichte, die sie versucht aufzuschreiben:
Ein Mädchen, das sehr jung ist - sehr jung und unerfahren - sieht etwas von seinem Zimmerfenster aus, das es nicht versteht, aber denkt zu verstehen.(01:20:40)
Mit dem Erzählen ihrer Gedanken beginnen wenige Streicher langsam die Melodie zu spielen. Auch vereinzelte Töne eines Klaviers sind zu hören.

Achte Szene - Der Brief an Cecilia
Briony schreibt einen Brief an Cecilia, in dem sie ihr berichtet, dass sie sich ebenfalls in London befindet und im Krankenhaus arbeitet, um auf praktische Weise nützlich zu sein und um Buße zu tun für ihre Schandtat. Die Musik mit der typischen Melodie ist hier nur im Hintergrund, denn vor allem Brionys Stimme und die Erklärung an ihre Schwester sollen hier im Vordergrund stehen.

Neunte Szene - Fernsehnachrichten, Hochzeit und Besuch bei Cecilia und Robbie
Briony erfährt über die Fernsehnachrichten von den Heiratsplänen Paul Marshalls und Lola Quinceys. Daraufhin geht sie zur Hochzeit der beiden und wird sich dabei bewusst, was sie Robbie und Cecilia angetan hat. Auch hier ist die Musik eher im Hintergrund, da die Worte der Akteure hervorstechen sollen. Auch Brionys Worte im darauf folgenden Flashback, in dem sie vor der Polizei beteuert, es sei Robbie gewesen, der Lola vergewaltigt habe, sind mehrfach lauter als die Musik. Die Musik wird, zurück aus dem Flashback, von den Orgelklängen für das Hochzeitspaar unterbrochen. Auf dem Weg zu Cecilias Wohnung ist die typische Klaviermelodie zu hören, die leise von einigen Streichern begleitet wird. Das Gespräch zwischen Cecilia, Robbie und Briony verläuft dann musikfrei - wichtig sind hier die Worte.

Hypothese 1 

Die ersten fünf beschriebenen Szenen sind wichtige Meilensteine, die dazu beitragen, dass sich Briony ihr eigenes Bild über Robbie macht, fest davon überzeugt, er sei ein Triebtäter, und veranlasst, dass er ins Gefängnis kommt. Diese einzelnen Etappen werden von dem beschriebenen musikalischen Element begleitet.

Hypothese 2 

Brionys Buße im dritten Teil des Filmes wird mehrfach von dem bekannten musikalischen Schema untermalt. Während es im ersten Teil zur Zuspitzung der Geschehnisse beitrug, untermauert es hier Brionys Bemühungen, ein reines Gewissen zu bekommen. Jedoch scheitert dieses Vorhaben, da Briony nur versucht, eine "falsche" Tat mit einer "guten" Tat zu begleichen. Prozesse der Selbstreflexion finden in diesem Teil zwar schon in Ansätzen statt, vollendet werden diese jedoch noch nicht. Die Ansätze der aktiven Auseinandersetzung mit der Vergangenheit werden dabei zumeist mit dem Klicken einer Schreibmaschine im Hintergrund der Hauptmusik dargeboten.

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Staging

Großaufnahme

Briony wird im ersten Teil des Filmes oft in Großaufnahme gezeigt. Die Großaufnahme ihres Kopfes verdeutlicht dabei zweierlei Aspekte. Zunächst wird dadurch gekennzeichnet, dass sie alles mit ihren Augen wahrnimmt. In ganz bestimmten Momenten sieht sie Dinge, aufgrund derer sie im weiteren Verlauf des Filmes ihre Entscheidung trifft, Robbie anzuklagen. So zum Beispiel die Szene am Brunnen, das Geschriebene von Robbie an Cecilia oder die Szene in der Bibliothek. Auf der anderen Seite wird durch die Aufnahme aber auch sichtbar, dass Briony die Geschehnisse und das Gesehene in ihrem Kopf verarbeitet. Der Zuschauer wird in Brionys phantasievolle und naive Welt geführt. Ihm wird verdeutlicht, dass Briony sich in ihrem Kopf ihre eigene Geschichte zusammenreimt.


Detailaufnahme

In diesem Zusammenhang ist auch eine Detailaufnahme von Brionys Auge von großer Bedeutung. Briony beobachtet, wie Robbie von der Polizei abgeführt wird. Die Kamera fixiert sich dabei immer mehr auf Brionys linkes Auge. Hierbei wird Bezug zu ihrer Aussage vor der Polizei genommen:

Polizist: Also, hast du ihn gesehen?
Briony: Ganz recht, das habe ich.
Polizist: So wie du mich siehst?
Briony: Ich weiß, dass er es war!
Polizist: Weißt du, dass er es war, oder hast du ihn gesehen?
Briony: Ja! Gesehen, ich habe ihn gesehen!
Polizist: Mit eigenen Augen?
Briony: Ja, mit eigenen Augen, ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen!
(00:42:16)

Die Aufmerksamkeit des Betrachters wird dabei bewusst auf Brionys Auge gelenkt, da es die „Wahrheit“ gesehen hat. Die Aufnahme von Brionys Auge verweist dabei außerdem darauf, dass es in diesem Moment auch sieht, welche Auswirkungen das Gesehene hat. Somit wird noch einmal auf den Grund der Aussage vor der Polizei, als auch auf die Folgen dieser eingegangen. Dem Betrachter wird zudem dargelegt, zu welchen Missinterpretationen es kommen kann, wenn Geschehnisse nur gesehen werden, über diese aber mit den Betroffenen nicht geredet werden. Das Sinnesorgan Auge übernimmt somit eine bedeutende Rolle im Film Abbitte.

Hypothese 1 

Durch das Gesehene von Briony und der vermeidlichen falschen Interpretation dessen, klagt sie Robbie vor der Polizei als Vergewaltiger ihrer Cousine Lola an. Briony ist somit als Einzelperson dafür verantwortlich, dass sich das Leben von Cecilia und Robbie daraufhin schlagartig verändern wird. Stilistisch wird die Verarbeitung des Gesehenen sowie die Interpretation dessen durch Großaufnahmen von Brionys Kopf als auch von Detailaufnahmen ihres Auges untermalt.

Totale und Nahe

Neben den Groß- und Detailaufnahmen gibt es auch totale Einstellungen. Diese kommen prägnant im zweiten Teil des Filmes vor, als Robbie mit seinen Gefährten auf dem Weg zum Meer ist. Die Akteure wirken aufgrund der Aufnahme unnahbar. Das Schicksal der einzelnen Personen steht weniger im Vordergrund. In diesen rücken nun vielmehr alle Soldaten des Krieges. Es wird gezeigt, dass Robbies Leiden auch andere betrifft. Interessanterweise kommt ab dem Zeitpunkt des Eintreffens am Meer ein Mix an Einstellungsgrößen dazu. Extrem-Totale und Totale sowie Halb-Nahe und Nahe Aufnahmen wechseln sich gegenseitig ab. Erstere zeigen die Masse an (verletzten) Soldaten sowie einzelne ausgewählte Personen. Ein Massenschicksal wird zum Einzelschicksal und andersrum. Der Betrachter soll vom Ausmaß des Krieges überwältigt werden. Zweitere zeigen von Nahem einzelne Soldaten. Das Interesse des Betrachters wird dabei genauer auf das Schicksal und Leiden jeder einzelnen Person gelenkt. Mitleid und Einfühlungsvermögen werden dadurch erzeugt. Insgesamt erzeugt dieser Mix wechselseitig Mitgefühl gegenüber den Protagonisten und wiederum Distanz zu diesen.

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Kompostion: Symmetrie

Ein weiteres stilistisch eingesetztes Mittel ist die Symmetrie. Einerseits steht sie im Film für Ordnung und andererseits für etwas wieder in Ordnung bringen.
Im ersten Teil des Filmes sitzen Cecilia, Leon und Paul am See. Leons und Pauls Liegestühle stehen dabei so hintereinander, dass sich die Sonnenschirme fast exakt symmetrisch gegenüber befinden. Auch Cecilia sitzt aus dem einen Blickwinkel gesehen genau in der Bildmitte, jedoch bricht sie die Symmetrie mit ihrer Beinhaltung auf. Die Harmonie, die durch den Einsatz von Symmetrie erzeugt wird, scheint somit nur von Leon und Paul auszugehen. Cecilia hingegen bricht die Harmonie auf. Jedoch wird im weiteren Verlauf des Filmes deutlich, dass es nicht Cecilia ist, die die Harmonie der Familie Tallis bricht, sondern dass es Paul Marshall ist. Dem Betrachter wird somit eine falsche vorherrschende Harmonie durch die Symmetrie vorgespielt.

Während Brionys Abbitte im dritten Teil des Filmes wird die Symmetrie gehäuft eingesetzt. Sie stellt dabei die strikte Ordnung, die im Krankenhaus herrscht, dar. So müssen zum Beispiel die Betten in einer Reihe stehen oder die Krankenschwestern in Zweierreihen hinter einander gehen. Dies alles stellt jedoch einen Gegensatz zu Brionys Leben dar, welches durch ihre Falschaussage komplett durcheinander gebracht worden ist. Die visuelle Symmetrie wurde somit als Mittel eingesetzt, um darzustellen, dass Briony sich nach Ordnung in ihrem Leben sehnt, welche sie versucht durch Abbitte im Krankenhaus aufzubauen. Des Weiteren möchte Briony auch das Leben von Cecilia und Robbie wieder in Ordnung bringen. Beispielhaft dafür ist die Szene vor der Kirche. Briony hat sich vorgenommen, Lola und Paul zur Rede zu stellen. Jedoch schweigt sie im entscheidenden Moment, und es wird somit nie klar gestellt werden, wer sich damals wirklich an Lola vergangen hat.

Hypothese 2 

Obwohl die Symmetrie in den Krankenhausszenen gehäuft eingesetzt wird und der Betrachter den Anschein bekommen könnte, dass in Brionys Welt Ordnung herrscht, scheint dies nur so. In Wirklichkeit scheitert Brionys "in Ordnung bringen", welches auch durch den Bruch der Symmetrie aufgrund des Autos vor der Kirche, in der Briony alles richtig stellen könnte, untermauert wird. Es herrscht keine Harmonie und Brionys Abbitte im Krankenhaus steht vor keiner Vollendung. Ganz im Gegenteil, sie scheitert.

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Muster

Das Haus am Meer

Das Strandhaus gehört einer Freundin von Cecilia. Als Cecilia und Robbie sich in London treffen, schenkt Cecilia ihm eine Karte, wo dieses drauf zu sehen ist. Wenn er das nächste Mal vom Dienst frei hat, können sie dort Urlaub machen. Cecilia sagt beim Übergenen des Fotos zu ihm:

Zum Träumen, während du fort bist. (00:53:55)

Die Karte wird zu Robbies Wegbegleiter durch den Krieg. Immer wieder betrachtet er diese, wodurch er an ein mögliches Zusammenleben mit Cecilia erinnert wird. Er hält sich sozusagen durch die Karte an einer gemeinsamen Zukunft mit ihr fest. Bevor er im Kriegsauffanglager einschläft, betrachtet er sich die Karte zum letzten Mal. Am nächsten Morgen stirbt er an seiner Kriegsverletzung.

Eine gemeinsame Zukunft ist in der Realität nicht mehr möglich. Diese wurde durch Brionys Falschaussage den beiden untersagt. Jedoch schenkt Briony ihnen in ihrer Autobiographie das Leben und somit auch eine Vereinigung. Verdeutlicht wird dies durch einen erdachten Spaziergang von Cecilia und Robbie am Meer, wo genau dieses Haus an den Klippen steht, in dem sie zusammen Urlaub machen.

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Komm zurück, komm zurück zu mir!

Die Worte komm zurück erscheinen ab dem zweiten Teil des Filmes und werden von Cecilia und Robbie in unterschiedlicher Art und Weise verwendet. Ihre Bedeutung ist jedoch für beide die gleiche, auch wenn sie aus unterschiedlicher Perspektive betrachtet werden müssen: beide wollen, dass sie wieder vereint werden.

Cecilia sagt und schreibt diese Worte Robbie mit der Aussage, dass er zu ihr zurück kommen soll:
Robbie, sieh (1), sieh mich an, sieh mich an (4), sieh mich an (3). Komm zurück (4), komm zurück zu mir! (00:52:44)
Ich liebe Dich, ich warte auf Dich, komm zurück! (00:56:22)
Ich liebe Dich! Komm zurück, (2) komm zurück zu mir! (01:15:27)
Robbie, sieh mich an, sieh mich an, sieh mich an (1). Komm zurück (2), komm zurück (3), komm zurück zu mir! (01:48:19)

Bei genauerer Betrachtung der Sätze von Cecilia wird außerdem deutlich, dass sie nahezu identisch jeweils zwei mal gesagt oder geschrieben werden. Um die Betonung von Cecilia zu untermauern, wurden die Pausen in sekundenschritten gezählt und in Klammern an entsprechender Stelle dazu geschrieben. Cecilia möchte Robbie davon überzeugen, dass sie immer für ihn da ist, was durch das Sieh mich an! verdeutlicht wird. Er soll sich beim gemeinsamen Treffen beruhigen und erkennen, dass sie es ernst mit ihm meint, weil sie ihn liebt. Zudem versichert sie ihm, dass sie auf ihn warten wird. Sie wird also immer da sein, wenn er zu ihr zurück kommt.

Im Gegensatz zu Cecilia verwendet Robbie die Worte, um zu unterstreichen, dass er zurück kommen wird und muss:
Die Geschichte kann weiter gehen. (5) Ich werde zurück kommen. Dich finden. Dich lieben. Dich heiraten und unbescholten mit Dir leben. (01:01:27) Ich muss zurück, ich hab´s ihr versprochen, um alles richtig zu stellen. Und sie liebt mich, sie wartet auf mich. (01:10:37)

Zum einen wird dadurch verdeutlicht, dass er sich nach einer gemeinsamen Zukunft mit Cecilia sehnt, er will die gemeinsame Zeit mit ihr weiterführen. Andererseits sieht er sich auch in der Pflicht zurück zu kehren, weil er es ihr erstens versprochen hat und zweitens weil sie ihn liebt und auf ihn wartet. Zudem muss er zurück, um richtig zu stellen, dass nicht er sich an Lola vergangen hat, sondern jemand anderes.

Hypothese 1 

Briony zerstört die frische Liebesbeziehung zwischen Cecilia und Robbie. Beide werden getrennt und können sich nur noch einmal wiedersehen, bevor Robbie in den Krieg ziehen muss. Ab diesem Zeitpunkt begleiten beide die Worte Komm zurück. Ob es in Briefen oder Erinnerungen an den anderen ist, sie lassen sie nicht mehr los.

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Das Element Wasser

Das Element Wasser setzt der Regisseur im Film für zwei Aussagen ein. Einerseits bedeutet es Leben(-sursprung) und wird als lebensbedrohliches Element angesehen, wodurch es folglich auch für den Tod steht. In einer Szene wird gezeigt, wie Briony mit Robbie schwimmen ist und ihn fragt, ob er sie retten würde, wenn sie in Gefahr wäre. Im Anschluss seiner Bejahung dessen, springt sie in den See hinein, und Robbie muss sie vor dem Tod retten. Dieser Flashback wird gezeigt, als Robbie im Krieg vor mehreren toten Schulmädchen steht. Es wird darauf verwiesen, dass Briony schon einmal in der Hand hatte, dass Robbie sein Leben wegen ihr in Gefahr bringt. Auch die Aussage von Robbie zu Briony, Du dummes Kind, deinetwegen hätten wir beide draufgehen können! (00:59:40), untermauert diesen Gedanken. In einer weiteren Szene wird gezeigt, wie Cecilia im Brunnen ihres Elternhauses nach der Scherbe der zerbrochenen Vase taucht. Dieses Bild wiederholt sich in ähnlicher Art und Weise, als Cecilia in einem U-Bahntunnel Sicherheit sucht und dieser durch einen Bombenangriff überflutet wird, wodurch sie stirbt.

Wasser steht andererseits im Bezug auf Briony für ihre Abbitte im Krankenhaus. Sie versucht sich und andere Dinge reinzuwaschen, um damit von ihrem Fehlverhalten befreit zu werden. Es werden mehrere Szenen gezeigt, in der sie unter anderem den Boden des Krankenhauses wischt oder verdreckte Krankenhausbetten versucht sauber zu bekommen. Besonders bedeutend für die Aussage des Reinwaschens ist die Szene, in der gezeigt wird, wie sich Briony ihre Hände an einem Waschbecken schrubbt und damit nicht aufhört, obwohl sie schon lange sauber sind.

Hypothese 1 

Eine der gravierendsten Auswirkung von Brionys Aussage ist der Tod ihrer Schwester Cecilia, welcher unter anderem durch das Element des Wassers dargestellt wird, da sie im U-Bahntunnel von London ertrinkt.

Hypothese 2 

Briony versucht sich im Krankenhaus von ihrer Schuld zu befreien. Aufgrund des immer wiederkehrenden Waschens, Säuberns und Schrubbens von Dingen lässt sich vermuten, dass das Reinwaschen nicht funktioniert und daher auch ihre Abbitte im Krankenhaus scheitern wird.

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Das ausgehende Licht

Das Licht steht, wie das Wasser, im Allgemeinen für Leben und Tod. In diesem Film stellt es den Tod von Cecilia und Robbie sowie das Scheitern von Brionys Abbitte dar.
Robbie betrachtet kurz vor seinem Tod die Karte, auf der das Haus am Meer zu sehen ist. Zur Beleuchtung verwendet er ein Streichholz, welches immer mehr abbrennt. Nachdem es erloschen ist, schläft Robbie ein. Sein Leben zieht noch einmal im Traum an ihm vorbei und am nächsten Morgen wacht er aufgrund einer Blutvergiftung nicht mehr auf. Im Film wird dies als Verlauf (siehe roter Pfeil) dargestellt.

Schema Verlauf

Cecilia versteckt sich wegen eines Bombenangriffs über London in einem U-Bahntunnel. Die Lichter an der Decke flackern zwischendurch immer wieder, wodurch schon darauf hingewiesen wird, dass sie bald endgültig ausgehen könnten. Nachdem im Tunnel eine Wasserleitung von Bomben getroffen wurde, strömt dieses in Massen in den Tunnel hinein. Der Weg des Wassers wird durch Lampen an der Decke gekennzeichnet, die nacheinander alle ausgehen. In diesen Moment heißt es auch für Cecilia, dass sie sterben wird.

Schema Verlauf

Briony versucht durch Abbitte im Krankenhaus Buße dafür zu verrichten, was sie Cecilia und Robbie angetan hat. Zudem möchte sie in einem (von ihr ausgedachten) Gespräch bei beiden um Entschuldigung zu bitten. Sie verspricht, dass sie die Sache aufklären wird, indem sie bestätigt, dass nicht Robbie Lola vergewaltigt hat. Beide Unternehmungen, sich von der Schuld zu befreien, scheitern jedoch. Dies wird zum einen in einer Szene dargestellt, in der Briony durch den Krankenhausflur geht und das Licht an der Decke immer erst hinter ihr angeht. Zum anderen sitzt Briony nach dem Gespräch mit Cecilia und Robbie in einer U-Bahn (welches zugleich als ein Verweis auf den Ort von Cecilias Tot gesehen werden kann), in der das Licht immer wieder an und aus geht, bis es zum Schluss endgültig dunkel bleibt.


Hypothese 1 

Die Aussage von Briony hat in ihrer letzten Konsequenz zur Folge, dass sowohl ihre Schwester Cecilia als auch deren Geliebter Robbie ums Leben kommen.
Der Tod wird neben dem Element Wasser bei Cecilia auch durch das Erlöschen des (Lebens-)Lichtes dargestellt.

Hypothese 2 

Das Scheitern Brionys Abbitte wird in analoger Weise zu dem Tod von Cecilia und Robbie dargestellt, in dem auch für ihre Buße in zwei verschiedenen Szenen symbolisch das Licht ausgeht.

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Das Klicken

Das Klicken der Schreibmaschine deutet zunächst auch in diesem Film darauf hin, dass etwas mit einer Schreibmaschine geschrieben wird. Die Bedeutung dieser wird jedoch schon dadurch gekennzeichnet, dass der Film nur mit dem Klicken einer Schreibmaschine beginnt und daraufhin gezeigt wird, wie Briony ihr erstes selbstgeschriebenes Theaterstück vollendet. Mit dieser Szene wird auch auf Brionys phantasiereiches Wesen hingewiesen, welches im weiteren Verlauf des Filmes eine wichtige Rolle spielt. Passend zu diesem Verständnis des Schreibens ist auch die Szene, in der Robbie Cecilia einen Brief schreibt, in dem er sie um Verzeihung bitten möchte, die anrüchige Fassung jedoch verwirft.
Ab einem späteren Zeitpunkt setzt die weitere Bedeutung des Klickens ein. Es ist dann immer in solchen Szenen zu hören, in der sich die gesamte Handlung auch aufgrund des geschriebenen Briefes zuspitzt und Briony immer mehr der Überzeugung ist, dass Robbie ein Triebtäter sei. Seinen Höhepunkt findet das Klicken bei der Abführung von Robbie durch die Polizei.
Auch der dritte Teil beginnt nur mit dem Klicken einer Schreibmaschine, welches darin mündet, dass Briony als einzige von den auszubildenden Krankenschwestern in einem Krankensaal im Krankenhaus steht. An dieser Stelle beginnt die weitere Bedeutung des Klickens, nämlich die eigentliche Erinnerungsbewältig von Briony. Sie beginnt sich nun langsam aktiv mit ihrer Vergangenheit auseinander zu setzten, indem sie ein Buch über eben diese schreibt. So setzt das Klicken zum Beispiel auch in der Szene ein, in der Briony bei Lolas und Pauls Hochzeit in der Kirche ist. Das Klicken wird dabei immer intensiver je deutlicher Briony wird, dass es Paul war, der über Lola hergefallen war und diese ihn schon damals geschützt haben muss. In einem Flashback zur Aussage vor der Polizei und genau diesem Überfall wird das Klicken immer intensiver und lauter und mündet darin, dass sich Briony erinnert, dass Paul über Lola hergefallen ist.
Zudem wird das Klicken im Film des Öfteren in Musik umfunktioniert. Das Schreiben, welches durch das Klicken der Schreibmaschine symbolisiert wird, wird hier in analoger Weise durch das Schlagen einer Klaviertaste dargestellt.

Hypothese 1 

Der gelesene Brief von Robbie an Cecilia ist ein Element, aufgrund dessen Briony ihre Aussage macht, dass es nur Robbie gewesen sein kann, der ihre Cousine vergewaltigt hat. Zur Untermauerung ihrer Aussage, dass sie auch nicht lügt, sucht sie den Brief sogar bei Cecilia im Zimmer und zeigt diesen ihrer Mutter. Klickende Untermalungen im Film verweisen dabei immer auf Elemente, aufgrund derer Briony ihre Aussage getroffen hat und wie sie diese verarbeitet.

Hypothese 2 

Durch das Verfassen ihrer Autobiografie, setzt sich Briony intensiv mit ihrer Vergangenheit auseinander und es gelingt ihr schlussendlich, mit dieser ins Reine zu kommen. Die Bewältigung ihres Fehlverhaltens in der Kindheit wird mit dem Klicken einer Schreibmaschine unterstrichen. Die Reflexion über die Vergangenheit sowie ihre Selbstreflexion, im Film immer wieder durch das Muster des Klickens begleitet, helfen ihr, im hohen Alter ihre Vergangenheit Ruhen zu lassen.

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