Bildungsprozesse

Marotzkis Bildungstheorie beschäftigt sich mit der zentralen reflexiven Verortung des Menschen in der Welt, und zwar in einem zweifachen Sinne:

  1. zum einen hinsichtlich der Bezüge, die er zu sich selbst entwickelt (Selbstreferenz) und
  2. zum anderen hinsichtlich der Bezüge, die er auf die Welt entwickelt (Weltreferenz).

Das Subjekt ändert grundlegende Kategorien und Handlungsschemata, mit denen es sich zu sich selbst und zur Welt verhält. Erlerntes wird reflexiv revidiert und ein anderer, neuer Strukturzusammenhang hergestellt (Bohnsack, Marotzki 1998, 138ff).

Verändert sich der Weltbezug, so ändert sich auch der Selbstbezug. Gerade im Selbstbezug liegt das steigerbare Lernpotential, in dem man sich selbst als Akteur begreift. Diese Theorie wird nun auf die Hauptperson Briony und des Weiteren auf Cecilia und Robbie projiziert.

Briony Tallis

Wandlung

Mit Hilfe von Biografisierungsprozessen und der Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit sieht Briony ein, dass sie einen Fehler begangen hat. Früher sei sie sehr jung und unerfahren gewesen und erst jetzt begreift sie das Ausmaß ihrer Tat. Als sie aussagte, dass sie Robbie dabei erwischt hätte, wie er Lola vergewaltigt habe, sei sie sich ganz sicher gewesen. Nun erst, versteht sie, welche Bedeutung die Handlung für sich und das Leben von Cecilia und Robbie hatte. Ihr Weltbezug, ihr Weltverständnis, der Orientierungsrahmen für ihre Weltanschauung und auch die Bedeutung und Sinnhaftigkeit ihres Lebens ändern sich. Da es ihr sehr Leid tut, welch schrecklichen Kummer sie Robbie und Cecilia bereitet hat, beschließt sie, nur noch die Wahrheit zu sagen.

Nach Dilthey sich [in einem Weltbild] Wirklichkeitssicht, Wertorientierung und Willenshaltung in je einer spezifischen Weise (Marotzki 1990, S.41). Wie sich Brionys Wirklichkeitssicht verändert, wurde im oberen Abschnitt beschrieben. Hinsichtlich ihrer Wertorientierung traf Briony folgende Entscheidung: Sie hätte die Möglichkeit nach dem Schulabschluss zur Universität zu gehen, entscheidet sich jedoch für die Arbeit als Krankenschwester, um Reue zu zeigen und um Vergebung zu bitten. Hier wird deutlich, wie wichtig es ihr ist, ihre Lüge wieder gut zu machen. Damit hat sich die komplette Vorstellung von ihrer Zukunft geändert und ihre Prioritäten liegen nun auf ganz anderen Ebenen.

Doch solang und hart sie auch im Krankenhaus arbeitet, sie wird von ihrem schlechten Gewissen nicht erlöst, bis Cecilia und Robbie ihr nicht verzeihen. Aus diesem Grund muss sie einen Ausweg finden, mit ihrer Schuld zu leben.

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Bilanzierung

Da Cecilia ihr nie verziehen hat, braucht Briony weitere Möglichkeiten, mit ihrer Schuld fertig zu werden. Zum einen leistet sie Abbitte im Krankenhaus und versucht dadurch, ihr Gewissen rein zu bekommen. Sie glaubt, durch das Helfen im Krankenhaus macht sie die Dinge wieder gut. Zum anderen schreibt sie eine Autobiografie. Durch das Aufschreiben will Briony versuchen, das zu verarbeiten, was sie getan hat. Sie hat ihr ganzes Leben an dieser Autobiografie geschrieben. Angefangen hat sie zu Kriegszeiten, als sie als Krankenschwester gearbeitet hat und fertig geschrieben hat sie es, als sie erfahren hat, dass sie nicht mehr lang zu leben hat. Dadurch sieht man, wie schwer es ihr gefallen ist, mit dieser Last zu leben und diese zu verarbeiten. Sie möchte aber auch in Frieden sterben und versucht nun mit dem öffentlichen Geständnis die Geschichte kurz vor ihrem Tod abzuschließen.

Sie lässt Robbie und Cecilia in ihrer Autobiografie zusammen weiter leben, um ihre Schuld an deren Tod zu mindern und das Vorgefallene wieder gut zu machen. Sie sagt, dadurch habe sie den beiden zu ihrem Glück verholfen. Es scheint, als könne Briony durch das Aufschreiben ihrer Lebensgeschichte und das fiktionale Weiterleben von Robbie und Cecilia in ihrer Autobiografie mit ihrer Schuld abschließen und in Frieden sterben.

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Cecilla Tallis & Robbie Turner

Wandlung

Auch Robbie und Cecilia durchlaufen einen Prozess der Wandlung. Durch die Falschaussage Brionys bei der Polizei ändern sich die Rahmen für die Erfahrungsverarbeitung und somit auch die Weltreferenzen. In Bezug auf Cecilia heißt dies, dass sie nach Brionys Falschaussage den Kontakt zu ihrer Familie abbricht und von zu Hause weg geht, um in London zu arbeiten. Ihre Familie war einmal ihr Zufluchtsort, wo sie gern ihre Zeit verbracht hat. Nun, nachdem die gesamte Familie auf die Aussage Brionys vertraut, löst sie sich von ihr.

Die Falschaussage Brionys hat auch fatale Folgen für das Leben von Robbie. Seine Weltreferenz ändert sich, als er seinen Traum, Medizin zu studieren aufgeben und ins Gefängnis gehen muss. Des Weiteren vollzieht Robbie eine Wandlung, als er in den Krieg zieht, um nicht im Gefängnis bleiben zu müssen.

Mit dem Wandel der Weltreferenz ändert sich auch die Selbstreferenz. Robbie kannte man am Anfang des Filmes als höflichen und zuvorkommenden, warmen und offenherzigen Menschen. Durch die Gefängnis- und Kriegserfahrungen erlebt man ihn kühler - auch Cecilia gegenüber. Hinsichtlich Briony erlebt man ihn in einer Szene als sehr unhöflich und fast aggressiv.

Brechen alltägliche Handlungsroutinen zusammen und bisher bewährte Muster funktionieren nicht mehr, so kann von einer Verlaufskurve des Erleidens gesprochen werden. Mit den bisherigen Erfahrungen und dem Erlernten hat Robbie Probleme im Gefängnis und im Krieg zurechtzukommen. Er klammert sich also mit seinen Gedanken an Cecilia und versucht dadurch die schrecklichen Dinge, die er erlebt zu verdrängen. Auch denkt er an Briony, die ihn durch die Falschaussage erst in diese Situation gebracht hat. Im Gegensatz zu früher empfindet er nun Hass und Wut für Briony. Dies wird deutlich, als sich Robbie an eine Situation aus der Vergangenheit erinnert, in der Briony ihn am See auf die Probe stellte und sich von ihm retten ließ. Als sich herausstellte, dass es für sie nur ein Spiel war, reagierte Robbie sehr wütend.

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