Hypothesen

Bereits John Locke beschrieb die ursprüngliche Seele eines Kindes als "tabula rasa" (Bollnow, S.2), ein unbeschriebenes Blatt. Alle Vorstellungen, die es später im menschlichen Geist gibt, müssen also zuvor über die Sinne dort hinein gelangen. Obwohl diese Theorie heut als sehr veraltet und überholt gilt, wissen wir dennoch, dass Kinder sich in entscheidendem Maße von Erwachsenen unterscheiden. Es fehlt ihnen an Wissen und Erfahrungen, die sie erst im Verlauf ihres Lebens sammeln und erweitern können, weswegen Kindern im Allgemeinen mit viel Nachsicht begegnet wird. Im Gegensatz zur Welt der Erwachsenen erscheint ihre sehr harmlos, naiv und weniger machtvoll, sodass sie von den "Großen" oft nur belächelt wird.

Jedoch zeigt gerade der Film „Abbitte“, welche weit reichenden Auswirkungen kindliches Verhalten auch auf den Lebensbereich der Erwachsenen haben kann, denn durch Brionys Falschaussage hat sich ihre eigene Biographie und vor allem die von Robbie und Cecilia maßgeblich verändert. Daraus erschloss sich für uns folgende erste Hypothese:

Hypothese 1:

Scheinbar harmlose kindliche Naivität und Phantasie können sich negativ auf die soziale und gesellschaftliche Welt der Erwachsenen auswirken.

Während ihrer Jugendzeit erkennt Briony, welche beträchtlichen Folgen ihre Falschaussage vor der Polizei nach sich zog und gesteht sich diesen Fehler ein. Sie versucht ihr Gewissen zu besänftigen, indem sie ihren Traum, eine Buchautorin zu werden, aufgibt und anstelle dessen durch eine Ausbildung als Krankenschwester einen sozialen Dienst an den Menschen leistet, um so ihre Schuld zu begleichen. Jedoch gelingt ihr dies durch die Arbeit im Krankenhaus nicht. Zudem führt ihr die Nachricht von der Heirat zwischen Lola Quincey und Paul Marshall ihren Fehler wieder vor Augen. Ihr Versuch die Fehlaussage nun zu begleichen besteht darin, persönlich bei Cecilia um Verzeihung zu bitten. Diese kann ihrer Schwester jedoch nicht vergeben, sodass auch dieser Schritt der Abbitte scheitert. Erst als Briony im hohen Alter eine Autobiographie verfasst, indem sie ihre Leidensgeschichte beschreibt, findet sie Ruhe. Durch das Schreiben konnte sie ihr Leben erneut verarbeiten und versinnhaften, sodass sie nun endlich das Gefühl der Schuldbegleichung hat. Aufgrund dieses Verlaufs entwickelten wir folgende zweite Hypothese:

Hypothese 2:

Durch Abbitte kann man eine folgenschwere Entscheidung nicht begleichen, stattdessen muss man sich intensiv mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen.

Im Abschnitt Analyse soll dargestellt werden, wie diese beiden aufgestellten Hypothesen auch durch die stilistisch eingesetzten Mittel untermauert werden können.